Süßstoff-Blog

Diplom Oecotrophologin Anja Krumbe
Anja Krumbe
Diplom-Oecotrophologin
Anja Krumbe ist Diplom Oecotrophologin und Fachjournalistin. Sie führt eine eigene Praxis für Ernährungsberatung und -therapie sowie eine Lehrküche. Seit über 10 Jahren ist sie freiberuflich für den Süßstoff Verband tätig.
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13. Jul. 2018
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Süßstoff rein – Blutzuckerspiegel rauf? Ein Mythos!

Das Süßstoffe süß schmecken ist allgemein bekannt, aber sorgen sie auch schon alleine durch den süßen Geschmack für einen Blutzuckeranstieg oder für eine Insulinausschüttung? Die Antwort auf diese Frage wollten Wissenschaftler bereits 1986 bzw. 1989 gefunden haben. Blundell und Hill (1986) und Rogers und Blundell (1989) erfragten das Hungergefühl, bei Personen, die mit Süßstoff gesüßtes Wasser bzw. gesüßten Joghurt konsumierten und Kontrollpersonen, die pures Wasser bzw. reinen oder mit Glucose gesüßten oder mit Stärke angereicherten Joghurt erhielten. Da die Süßstoff-Gruppe früher und von einem stärkeren Hungergefühl berichtete als die Kontrollgruppe, folgerten die Wissenschaftler, dass die durch Süßstoffaufnahme eingesparte Energie eine erhöhte Energieaufnahme bei folgenden Mahlzeiten begünstige, so dass durch diesen Kompensationsmechanismus tatsächlich keine Energieeinsparung erfolge. Obwohl Ihre Erkenntnisse auf den rein subjektiven Eindrücken der Testpersonen beruhten, wird ihre Erklärung dazu noch heute – gut 30 Jahre später und obwohl schon mehrmals widerlegt – immer wieder heran gezogen: Schmeckt die Zunge etwas Süßes, wird dem Körper signalisiert, dass Zucker folgt. Daraufhin schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus, um den erwarteten Zuckeranstieg abzufangen. Kommt jetzt kein Zucker, sinkt der Blutzuckerspiegel ab, worauf der Körper mit einem Hungergefühl reagiert. Klingt logisch, lässt sich aber im Blut nicht nachweisen. Die Bauchspeicheldrüse ist viel zu schlau, um auf einen bloßen Geschmack zu reagieren.

Die These, dass Süßstoffe im Körper die Ausschüttung von Insulin hervorrufen und damit physiologisch ein Hungergefühl erzeugen („cephalischer Insulinreflex„), erscheint zwar auf den ersten Blick plausibel, ist aber eben nur eine Theorie, die sich in der Praxis nicht bestätigen lässt.

Die aktuell vorliegende Arbeit „Glycemic impact of non-nutritive sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials“ ist eine systematische Überprüfung und Meta-Analyse von randomisierten kontrollierten Studien, um vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse zur glykämischen Wirkung, d.h. zum Anstieg des Blutzuckerwertes nach dem Verzehr von Süßstoffen (NNS=Nichtnutritive Süßstoffe) quantitativ zu ermitteln, d.h. es wurden definierte Indikatoren statistisch ausgewertet.

Die Wissenschaftler durchsuchten zunächst PubMed– und die Web of Science-Datenbanken. Dabei wurden 29 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 741 Teilnehmern in die Studie eingeschlossen und ihre Qualität bewertet. Zu den untersuchten Süßstoffen gehörten Aspartam, Saccharin, Stevioside und Sucralose. Die Überprüfung folgte den PRISMA-Richtlinien (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analysis).

Systematische Reviews und Metaanalysen fassen einzelne Studien zu einem Thema zusammen und vermitteln somit einen umfassenden und aktuellen Überblick über den Stand der Wissenschaft

Die Meta-Analyse wurde durchgeführt, um den Kurvenverlauf der Blutglukosekonzentrationen über die Zeit nach Süßstoff-Konsum zu schätzen, zu verfolgen und die unterschiedlichen Effekte nach Süßstoff-Typ und Alter, Gewicht und Krankheitsstatus der Teilnehmer zu vergleichen.

Die Ergebnisse zeigten, dass Süßstoff- Konsum den Blutglukosespiegel weder erhöhte, noch sonst wie beeinflusste. Der glykämische Einfluss des Süßstoff-Konsums unterschied sich nicht nach Art des Süßstoffes (Aspartam, Saccharin, Stevioside und Sucralose), sondern war in gewissem Ausmaß von Alter, Körpergewicht und diabetischem Status der Teilnehmer abhängig.

 

Süßstoffe haben keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel

Eine weitere aktuelle Studie „Consumption of a Carbonated Beverage with High-Intensity Sweeteners Has No Effect on Insulin Sensitivity and Secretion in Nondiabetic Adults“, geht auf die Auswirkungen der regelmäßigen Einnahme von süßstoffgesüßten Getränken auf die Insulinsensitivität – d.h. die Empfindlichkeit der Körperzellen bzw. der Insulinrezeptoren gegenüber Insulin- und –sekretion bei Gesunden ein. Untersucht wurden dabei mit Aspartam und Acesulfam K, bzw. ungesüßte kohlensäurehaltige Getränke.

Die Studie wurde als randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie durchgeführt. Nichtdiabetische Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren (44% Männer, Body-Mass-Index (BMI; kg / m²) 19 bis 29), die keine Süßstoffe konsumierten, wurden in Gruppen eingeteilt. Die Teilnehmer mussten je nach Gruppenzugehörigkeit entweder vom gesüßten oder ungesüßten Getränk über 12 Wochen täglich 2 Dosen zu je 330ml konsumieren. Nach einer 4-wöchigen Auswaschphase wurden die Teilnehmer für 12 Wochen auf das entgegengesetzte Getränk umgestellt. Von den sechzig eingeschlossenen Personen, schlossen 50 die Studie ab (28 nicht übergewichtige und 22 übergewichtige Teilnehmer). Die Untersuchungsergebnisse zeigten, dass der tägliche Verzehr von 2 Dosen  eines kohlensäurehaltigen süßstoffgesüßten Getränks über 12 Wochen, die Insulinsensitivität oder Insulinsekretion bei gesunden, normal- und übergewichtigen Menschen ohne Diabetes, nicht beeinflusst. Der Verzehr von süßstoffgesüßten Getränken hatte zudem keinen Einfluss auf das Körpergewicht, den selbstberichteten Verzehr von Nahrungsmitteln oder die selbstberichtete körperliche Aktivität der Teilnehmer.

Süßstoffe haben keinen signifikanten Effekt auf die Insulinsensitivität und -sekretion bei nichtdiabetischen Erwachsenen.

Insgesamt liefern diese neuen Studien weitere Beweise für frühere Befunde, die belegen, dass der Verzehr von Süßstoffen in Getränken die Insulinsensitivität und -sekretion oder die allgemeine Glukosekontrolle im Vergleich zu Wasser oder einem ungesüßten Kontrollgetränk nicht negativ beeinflusst. Im Vergleich zu Zucker, der einen Blutzuckeranstieg verursacht, haben Süßstoffe den Vorteil, den Blutzucker- und Insulinspiegel nach dem Verzehr nicht zu beeinflussen oder zu erhöhen.

Literatur:

Blundell JE, Hill AJ: Paradoxical effects of an intense sweetener (aspartame) on appetite. The Lancet (1986) 1: 1092–3

Rogers PJ, Blundell JE: Separating the actions of sweetness and calories: effects of saccharin and carbohydrates on hunger and food intake in human subjects. Physiol Behav (1989) 45: 1093–9

Nichol AD, Holle MJ, and An R.,Glycemic impact of non-nutritive sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials, Eur J Clin Nutr. 2018 May 15. doi: 10.1038/s41430-018-0170-6. [Epub ahead of print], 2018

Bonnet F, Tavenard A, Esvan M, Laviolle B, Viltard M, Lepicard EM and Lainé F., Consumption of a Carbonated Beverage with High-Intensity Sweeteners Has No Effect on Insulin Sensitivity and Secretion in Nondiabetic Adults, Journal of Nutrition 2018; 148: 1–7. 2018

 


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